Histaminintoleranz - warum sie auch bei Autoimmunkrankheiten auftreten kann
Foto: Melissa Walker Horn
Wie kommt es überhaupt zur Histaminintoleranz und wie steht das im Zusammenhang mit Autoimmunkrankheiten? Das erkläre ich dir in diesem Artikel. Denn oft haben Betroffene nicht nur die Immunerkrankung, sondern auch weitere Allergien oder Intoleranzen.
Inhalt
Warum kommt eine Autoimmunerkrankung selten allein?
Was ist Histamin und warum reagieren einige Menschen darauf und wie?
Wie kommt es zu Entzündungen im Zusammenhang mit Histaminintoleranz?
Welche Lebensmittel enthalten viel Histamin und worauf muss ich achten?
Warum kommt eine Autoimmunerkrankung selten allein?
Wenn man auf die letzten 50 Jahre zurückblickt, kann man sehen, dass sie Infektionskrankheiten zurückgegangen sind, was zum einen unserer Hygiene geschuldet ist, als auch der besseren medizinischen Versorgung, auf der anderen Seite aber die Autoimmunerkrankungen enorm zugenommen haben. Was auch auf verbesserte medizinische Tests zurückzuführen und der nötigen Sensibilität geschuldet ist.
Dennoch, das Immunsystem überreagiert und richtet sich gegen den eigenen Körper!
Zunächst gibt es bestimmte Voraussetzungen, wie eine Autoimmunerkrankung entsteht:
Es sind verschiedene Auslöser bekannt, wie z.B. erbliche Vorbelastung z.B. bei Rheuma, Morbus Crohn und Multipler Sklerose.
Inzwischen ist auch nachgewiesen, dass
bestimmte Bakterien im Darm, Autoimmunkrankheiten auslösen können,
aber auch Umweltgifte wie Weichmacher in Plastik,
bestimmte Stoffe in Kosmetika
genauso aber auch Stress
Vitamin-D-Mangel
Rauchen und
einseitige nährstoffarme Ernährung.
Oft braucht es Monate oder Jahre, bis sich auch Symptome zeigen und dann scheint die Krankheit auszubrechen, wenn es sowieso gerade sehr stressig ist oder viel im Umbruch ist: Sei es durch Familiengründung oder einen Jobwechsel, dramatische Ereignisse im engen Umfeld, eine Krebserkrankung oder aber eine möglicherweise fehlende Stimulation des Immunsystems infolge einer übertriebenen Hygiene.
Zudem gibt es Botenstoffe in unseren Immunsystem, von denen die Wissenschaft inzwischen weiß, dass sie an Entzündungsprozessen z.B. im Zentralnervensystem beteiligt sind und sowohl an einigen Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Psoriasis und Multipler Sklerose, als auch an Atemwegsinfekten bei Asthmatikern.
D.h. es gibt Ähnlichkeiten bei den Auslösern als auch bei den Beteiligten, wenn die Krankheit schon ausgebrochen ist.
Oft ist es so, dass es bereits vor dem Ausbruch der Autoimmunerkrankung schon Allergien oder Intoleranzen gibt, d.h. das Immunsystem ist schon angetriggert.
Oder man geht den umgekehrten Weg, dass wenn man die Diagnose bereits hat, man dann feststellt, dass man plötzlich auf andere Lebensmittel oder Stoffe empfindlich reagiert.
So war es bei mir mit Histamin. Im Laufe der letzten Jahre, habe ich gemerkt, dass ich bei bestimmten Lebensmitteln empfindlich reagiere und bin schließlich dahinter gekommen, dass ich nicht zu viel histaminreiche Lebensmittel mehr vertrage.
Was steckt also dahinter?
Was ist Histamin und warum reagieren einige Menschen darauf?
Histamin wird zum einen über die Nahrung bestimmter Lebensmittel aufgenommen.
Histamin entsteht in Lebensmitteln, wenn Bakterien die Aminosäure Histidin abbauen. D.h. Produkte wie Fermente, also Probiotika, tierische Produkte wie Fisch, Fleisch oder Milcherzeugnisse, die leicht verderblich sind, können hohe Histaminwerte aufweisen.
Histamin wird aber auch vom Körper selber gebildet und ist ein Gewebshormon und Botenstoff, Botenstoff, der u.a. die Blutgefäße erweitert, um den Blutdruck zu senken oder die Magensaftproduktion anregt, außerdem als Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert und auch die Appetitkontrolle sowie die Lernfähigkeit und Emotionen.
Histamin wirkt im Körper aber auch als Vermittler von Entzündungsprozessen: Gerade bei allergischen Reaktionen löst es Symptome aus z.B. wie Hautrötung, Juckreiz, Unwohlsein, Durchfall, Asthmaanfälle und Kopfschmerzen aus.
Zu viel Histamin im Körper kann gefährlich werden: Es kann zu einem plötzlichen Blutdruckabfall kommen und zu Vergiftungssymptomen wie Durchfall oder schnellem Herzklopfen kommen.
Diese Symptome können auch bei einer Histaminintoleranz vorkommen: Juckreiz, Hautrötungen oder Hautausschlag, Kopfschmerzen, Herzstolpern, Magen-Darm-Beschwerden, Regelbeschwerden.
Quelle: NCBI
Wenn es also im Körper der Betroffenen zu einer Überreaktion kommt, ist mehr Histamin vorhanden, als abgebaut bzw. auf inaktiv gesetzt werden kann.
Trotzdem handelt es sich nicht um eine Histamin-Allergie, also keine Überreaktion des Immunsystems. Histamin entsteht, wenn bestimmte Eiweiße abgebaut werden. D.h. es kommt sowohl im Blut, als auch in den Zellen vor und wird dort von bestimmten Enzymen abgebaut. Dabei werden die Histamine inaktiviert, wenn sie die Darmwand durchdringen.
Histaminintoleranz kann auch eine Folge einer Mangelerscheinung von Enzymen sein: Bei den Betroffenen ist das Enzym Diaminoxidase in nicht ausreichender Menge vorhanden oder in seiner Funktion gestört. Dieses Enzym ist für den für den Abbau des immunreaktionauslösenden Botenstoffes Histamin aber nötig.
Wenn beispielsweise ein Vitamin-B6-Mangel vorliegt, kann die Aktivität der Diaminoxidase (DAO) beeinträchtigt sein, da dieses Vitamin als Coenzym für das Enzym benötigt wird.
Mastzellen spielen eine entscheidende Rolle bei der Histaminfreisetzung. Bei einer Mastzellaktivierungserkrankung (MCAS) kommt es zu einer übermäßigen Ausschüttung von Histamin, was ähnliche Symptome wie bei einer Histaminintoleranz hervorrufen kann. Eine Abklärung durch einen Arzt ist daher wichtig, um die Ursache zu identifizieren.
Chronischer Stress kann die Histaminfreisetzung im Körper erhöhen. Der Grund: Stress aktiviert das sympathische Nervensystem, das die Mastzellen stimuliert und zu einer vermehrten Ausschüttung von Histamin führt. Daher ist Stressmanagement ein wichtiger Teil der Therapie.
Histamin kann von hormonellen Schwankungen beeinflusst werden. Östrogen fördert die Histaminfreisetzung, während Progesteron es reduziert. Dies erklärt, warum Frauen mit Histaminintoleranz während des Menstruationszyklus unterschiedlich stark auf histaminreiche Lebensmittel reagieren können. Und solltest du an PMS-Beschwerden eliden, kann bei dir ein Progesteronmangel und gleichzeitige Östrogendominanz vorliegen, was eine Histaminintoleranz begünstigen kann
Die Leber ist entscheidend für den Abbau von Histamin, da sie Histamin durch bestimmte Enzyme wie die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) abbaut. Eine belastete oder nicht optimal funktionierende Leber kann die Histaminintoleranz verschlimmern. Unterstützende Maßnahme wie eine leberfreundliche Ernährung kannhilfreich sein.
Histamin gehört zu den biogenen Aminen. Diese spielen wahrscheinlich eine größere Rolle bei Unverträglichkeiten, als bisher gedacht. Spannend ist, dass viele Lebensmittel weniger Histamin enthalten, als man angenommen hat. Stattdessen sind es andere biogene Amine wie Cadaverin, Putrescin und Tyramin, die den Großteil ausmachen. Dein Körper muss diese zuerst abbauen, wodurch das DAO-Enzym (histaminabbauendes Enzym) beschäftigt ist und sich weniger um das Histamin kümmern kann. Das führt dann oft zu einem Histaminüberschuss und den typischen Symptomen einer Histaminintoleranz. Die Lebensmittel, in denen viele dieser Amin enthalten sind, sind diejenigen, die die Histaminintoleranz befeuern: Schokolade, Fisch, gereifter Käse, Bananen, Ananas, Tomaten, Zitrusfrüche, Avocado, Wein, Bier usw. (siehe Liste weiter unten).
Wichtig ist, dass du beachtest, dass die individuelle Toleranz für Histamin von Mensch zu Mensch variieren kann. Genauso gibt es Zeiten, in denen du mal mehr oder weniger auf Histamin reagierst.
Wie kommt es zu Entzündungen im Zusammenhang mit Histaminintorelanz?
An den Entzündungen sind unterschiedliche Zellen beteiligt, die Lymphozyten, Monozyten sowie die Mastzellen. Bei einer chronischen Entzündung aktivieren sich diese Zellen gegenseitig und schütten entsprechende Botenstoffe aus, auch Histamin. Sie wirken auf das Zentralnervensystem, lösen u.a. Fieber, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung aus und können so fast den gesamten Organismus auf Energiesparen umstellen. Das ist sinnvoll, um die Entzündung zu regulieren, doch hält sie länger an und wird chronisch, können die Botenstoffe zu klinischen Symptomen wie z.B. Schmerzen, Depression, Osteoporose uvm. führen.
Es sind dieselben Zellen beteiligt, die sowohl die Entzündungsreaktion auslösen als auch das Histamin ausschütten. Darum kann der Entzündungsherd auch eine mögliche Histaminintoleranz antriggern, weil immer mehr Histamin vorhanden ist, als vom Körper abgebaut werden kann.
Welche Symptome können auftreten?
Neben Juckreiz, Schnupfen, laufender Nase, können auch Kopfschmerzen, krampfartige Bauchschmerzen und Durchfall auftreten. Zudem verhindert das viele Histamin, dass die Nahrung vom Darm gut verwertet kann. Es kann also in der Folge zu Gewichtszunahme und Wassereinlagerungen kommen und man fühlt sich aufgebläht. Viele Betroffene nehmen an Gewicht zu.
Daher ist es enorm wichtig, dass du in diesem Fall auf deine Ernährung achtest und möglichst frische Lebensmittel verwendest und selbst kochst.
Im Folgenden beschreibe ich, weilche Lebensmittel viel Histamin enthalten und wie du dich ernähren kannst, damit du die Histaminunverträglichkeit in den Griff bekommst.
Welche Lebensmittel enthalten viel Histamin und worauf muss ich achten?
Histaminhaltige Lebensmittel sind eigentlich kein Problem, weil das aufgenommene Histamin vom Körper verstoffwechselt wird. Wenn das aber nicht der Fall ist, können sich bei bestimmten Krankheiten die Symptome verschlimmern, wie z.B:
Aphthen
Allergien (oft Heuschnupfen, Pollenallergie)
Nesselsucht (Urtikaria)
Neurodermitis
Migräne
Deshalb sollte man hier besser auf histaminhaltige Lebensmittel verzichten und stattdessen zu histaminarmen Lebensmitteln greifen. Denn Histamin ist hitzeresistent. D.h. es lässt sich nicht abbauen, indem man es kocht oder backt.
Am besten achtest du auf die folgenden Dinge:
Histamin entsteht, wenn Lebensmittel verderben. Daher sind frische, unverarbeitete oder wenig verarbeitete Lebensmittel empfehlenswert.
Alles, was länger reift, eingelegt, geräuchert oder gelagert wird, ist sehr histaminhaltig (gereifter Käse, Schinken, Rotwein, Sauerkraut, Fisch, Wurst oder Fleisch).
Aufpassen mit Lebensmitteln, die Histamin im Körper erzeugen, z.B. Schokolade, Kakao, Erdbeeren, Zitrusfrüchte, Pfifferlinge, Tomaten und Walnüsse.
Und auch Lebensmittel mit anderen Aminen solltest du meiden, z.B.
Tyramin (steckt in Hefe, Fisch, Wurst, Käse, Himbeeren)
Serotonin (steckt in Walnüssen, Ananas, Bananen und Tomaten)
Proteinreiche Lebensmittel (also vor allem Fisch, Fleisch und Milchprodukte) sollen ebenfalls nur frisch verzehrt werden. Möglichst die Kühlkette nicht unterbrechen, da schon wenige Minuten bei Raumtemperatur reichen, damit sich Histamin bilden kann.
Auf Fertigprodukte und Konserven solltest du verzichten,
auch besser auf fermentierte Produkte.
Frische, tierische Produkte schonend zubereiten und die Reste zügig einfrieren.
Oft enthalten Lebensmittel mit Sulfiten ebenfalls viel Histamin, d.h. Trockenfrüchte oder Weine mit Sulfiten solltest du auch meiden.
Histaminarme Lebensmittel (nicht vollständig):
Ingwer & Kurkuma
Kartoffeln & Paprika
Kohlsorten wie Blumenkohl, Brokkoli, Grünkohl
Wurzelgemüse wie Karotten, Pastinaken, Fenchel, Knollensellerie, Radieschen, Rote Bete, Schwarzwurzel, Spargel, Süßkartoffel, Zwiebel
grünes Blattgemüse (außer Rucola)
Steinobst wie Aprikosen, Kirschen, Nektarine, Pfirsich
Beeren (außer Erdbeeren & Himbeeren)
Äpfel & Birnen
Melone (alle Sorten)
Brot vom Vortag oder getoastet, Zwieback
Reis, Hirse, Quinoa
Kokosnüsse (alle Erzeugnisse)
stilles Wasser & Kräutertees (außer Brennessel)
Pflanzenmilch
Macadamia, Mandeln, Paranüsse, Pistazien
Sesam, Leinsamen, Kürbiskerne
frisches und unmariniertes Fleisch
fangfrischer Fisch oder tiefgekühlter Fisch
frische Einer
Butter (Süßrahm), Crème Fraîche, Frischkäse
Histaminhaltige Lebensmittel (nicht vollständig):
gereifter Käse: je älter desto mehr Histamin enthält er
Milchprodukte wie Joghurt und Saure Sahne
milchsauer vergorene Lebensmittel wie Sauerkraut oder Kimchi
Gemüse wie Tomaten, Avocado, Aubergine und Spinat
Pilzen, wie Steinpilzen, Morcheln oder Champignons
gegorene Flüssigkeiten wie Essig oder Sojasauce
Alkoholische Getränke wie Wein und Bier (durch die Gärung)
Kakao, schwarzer und grüner Tee, Kaffee (durch die Fermentation)
Foto: Kati Smith
Jede/r von uns reagiert unterschiedlich und manchmal ist es sogar tagesabhängig. Daher schau am besten individuell, was für dich passt und was nicht und mit welchen Lebensmitteln du gut klar kommst.
Ich habe selbst gute Erfahrungen damit gemacht, nachdem ich meine Ernährung umgestellt habe. Mittlerweile habe ich mit einigen Menschen mit starker Histaminintoleranz zusammen gearbeitet und wir haben ihre Ernährung ebenfalls erfolgreich auf histaminarm umgestellt.
Wenn du Fragen zu dem Thema hast oder dir gern persönlich ein paar Tipps haben möchtest, dann vereinbare hier einen kostenlosen 30-minütigen Kennenlerntermin.
Hinweis: Da auch diese Thematik noch nicht hinreichend erforscht ist, kann dieser Artikel nur einen Ausschnitt darstellen und hat nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Die hier angegebenen Hinweise stellen eine Ergänzung zur medizinischen Behandlung dar. Ggf. sollte ein/e ÄrztIn konsultiert werden.
Quellen: